kunstfenster-rheydt e.V.

Kunstfenster Rheydt e.V. - Martin Hülbrock - Karlsbaderstr. 46 - 41236 Mönchengladbach - Tel.:02166 - 216 930
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herbert coonen // januar 11 // glasobjekte

Es ist eine Sache, stunden- und tagelang allein in der Ruhe und Abgeschiedenheit eines Ateliers zu arbeiten und irgendwann wahrzunehmen, dass sich da Etwas in mir im Begriffe ist zu bilden, dem ich dann durch ein willen- und zielloses Lassen Zeit und Raum zum Wachsen und Aufsteigen zugestehe, damit es sich zu einer Anmutung, zu einem skizzenhaften Umriß dessen ausbilden kann, das seine eigentliche Gestalt ist, die ich dann durch mein Eingreifen und Tun zu formen und zu verwirklichen suche.


Dieser Vorgang ist vergleichbar mit dem fernen Vernehmen eines kaum hörbaren ersten Tones, dann einiger anderer, die, noch nicht zusammen hängend, jeder für sich verlauten; ihr Ordnen und das in diesem Tun mögliche Finden der eigentlichen Melodie ist dann meine Arbeit.


Etwas anderes ist es, eine Aufgabe entgegen zu nehmen. Hier gibt es mindestens einen Ort und eine Zeit, manchmal auch noch andere Vorgaben; allesamt sind es Schnüre und Bänder, Seile und Stricke, Ketten, ja Fesseln, die ich bereit sein muss, mir anlegen zu lassen. Und trotzdem gilt es, im Innersten völlig frei und ungebunden und unabhängig zu bleiben, damit dieses eine Etwas, mit dem nur ich auf das mir Aufgetragene jetzt antworten will, entstehen kann.


Ich weiß dann um die Vorgaben und drehe mich weg und gehe; damit hört jetzt meine von mir selbst steuerbare Tätigkeit auf. Der Wind hat mir einen Samen zugeweht, ich habe ihn eingeatmet und nun hat er seinen Nährboden gefunden. Er treibt die ersten Wurzeln, den Sproß aus, für mich ist das alles ganz unmerkbar. Erst im Wachsen, im Größerwerden beginne ich ihn zu spüren; da ist nichts Konkretes, da ist nur Etwas, das vorher nicht da war und mich vielleicht in der Nacht nicht schlafen läßt. Ich liege dann sehr...


wach

in der Nacht

Gedanken

heben sich wie Sterne

aus dem Dunkel nur

reihen sich wie Perlen

an unsichtbarer Schnur

ins Licht

erhellen

 

...im Dunkeln und gebe mich lauernd dem hin, das da in mir vorgeht, höre das ruhige Schlafatmen meiner Frau neben mir und hin und wieder einen Seufzer unseres Setters, der nahe bei uns ruht. Ich schlafe irgendwann wieder ein, ohne erkannt zu haben, was mich wach hielt, und am nächsten Morgen, wenn mich die Alltagsgeschäfte wieder an sich ziehen, ist selbst die Erinnerung an die Wachstunden der Nacht bald ins Unerinnerbare abgesunken. Als wäre nichts gewesen.


Aber es ist in mir, und es wächst. Es greift Raum und es braucht Nahrung. Es nimmt mir Atem und Kraft; es macht mich früher müde und hungrig, und manchmal verdirbt es mir den Appetit. Es macht mich ungeduldig und auch schon mal gereizt. Obwohl ich das hier scheinbar so unbeteiligt nieder schreibe, es also jetzt und hier weiß, habe ich dieses Wissen um meinen Zustand in den wirklich sensiblen Situationen nicht. Dann ist da nur so ein diffuses Empfinden, als wäre mir von innen her heiß und ich fühle mir manchmal die Stirn und denke, es könne auch eine Grippe im Anzug sein. Oder es stellt sich ein Spannungskopfschmerz in den Schläfen ein, der mir sagt, dass ich da gerade etwas tue, das ich eigentlich nicht tun sollte, weil da etwas, eben dieses besondere Etwas, darauf wartet, dass ich mich ihm widme. Oder alles nervt einfach; es nervt einfach alles, weil es mich ablenkt vom Eigentlichen; und wenn mir das klar wird, weil meine Frau mich dann ja auch kritisiert oder mir meine eigene Ungehaltenheit auffällt, dann gehe ich, ziehe mich zurück, mache eine einfache Arbeit, die mich gedanklich nicht beansprucht, oder lege mich hin, nehme ein Buch und halte es mir vors Gesicht. Nach wenigen Minuten sehen meine Augen zwar noch die Buchstabenzeilen, aber ich lese nicht, bin längst abgesunken in Richtung dessen, was sich da entwickelt. Manchmal schlafe ich ein. Und, zum Beispiel, wenn ich dann wach werde, aufstehe, mich frisch mache und bei diesen routinemäßigen Funktionen noch in diesem halbschlafendhalbwachen Dämmerzustand bin, dann ist es plötzlich da: die Idee, das Bild, die Gestalt dessen, was ich machen soll, was ich machen werde, oder das nicht bezweifelbare Wissen um die Art und Weise, wie* ich es machen werde.


* (So ging es mir im Vorfeld meiner Arbeit an "Heroine" für die Kunstmanifestatije Geisteren/NL. Da war mir durch die erhaltene und zu bearbeitende Keramikfigur der Künstlerin Mieke van Uden die Gestalt weitestgehend vorgegeben, aber in diesem Moment der Erhellung wurde mir alternativ- und ausweglos klar, dass ich sie, bevor ich mit meiner eigenen Arbeit beginnen konnte, auf einem schweren Hammer zerschlagen mußte. Das tat ich, dieser Eingebung folgend, sofort; war sie doch wie ein unausweichlicher Befehl, eher noch wie ein sofortiges Wissen. Idee, Einsicht, Wissen, Handlung - alles in einem Augenblick. Und in einer Zeitspanne wie dieser, so klein sie auch sein mag, bleibt die Zeit stehen!)

 

Jetzt, dieses sehr konkrete Bild vor dem inneren Auge, in der Tendenz wissend, wie das zu Schaffende nach seiner Fertigstellung da stehen wird, kann ich mit meiner Arbeit beginnen, und das Wanken und Werden und Wirken in meinem Inneren fließen über meine Hände in das Werk und drücken sich in ihm aus; und im Tun, in der Bewegung, in körperlicher Unruhe löst sich die innere Spannung und ich finde in ein inneres Gleichgewicht, in eine Harmonie, aus der neue Bilder aufsteigen, sich neue Details ergeben, die während der Arbeit wie selbstverständlich in das Entstehende einfließen. Dieses Wort ´einfließen´ beschreibt das Geschehen perfekt; es ist kein abruptes Geschehen, es gibt keine Abstände oder Unterschiede, sondern es ist ein Fließen, ein ruhiges gleichmäßiges Strömen, das wie aus einer inneren Quelle gespeist aufsteigt und in meiner Handlung Form und Gestalt wird.

 

So habe ich es bei dieser Arbeit für das Kunstfenster Rheydt erlebt. Nachdem ich die Zusage für die ´Bespielung´ des Kunstfenster Rheydt erhalten hatte, bin ich hingefahren und habe es von nah und fern, von links und rechts betrachtet, dann habe ich mich weg gedreht und bin gegangen, mit seiner Form und den anderen Vorgaben in mir. Irgendwann, schon recht bald, war die Klarheit da, dass meine Arbeit die gesamte Fläche des Fensters ausfüllen müsse, dann fand ich die Mauer aus Glasziegelsteinen, ließ mir anhand einer mir zur Verfügung gestellten Schablone die Holzplatte anfertigen, weißte sie, beklebte sie mit Glasscheiben und fand so die Richtung der senkrecht und nach links und rechts weg brechenden Mauerrisse. Jetzt galt es unzählige Streifen aus großen Glasbruchstücken zu schneiden, dann den ersten waagerechten Streifen aufzukleben, dann die erste senkrechte Fuge, dann das Stück, das die Breite des Steines definiert, dann die zweite senkrechte Fuge, und so weiter und immer so weiter. Es stellt sich ein Arbeitsrythmus ein; die Tätigkeit wiederholt sich, wieder und wieder, wird erlernt, ist gekonnt und kann von der hellwachen Aufmerksamkeit verlassen werden. Sinkt jetzt etwas ab, oder steigt etwas auf? Irgendwann, mehrfach während der wochenlang so immer wieder gleich ausgeführten Arbeit, waren die Bilder da, aus denen die ´Accessoires´ und deren Details und die Balkone, auf denen sie ruhen, entstanden sind - und damit das ganze Thema! Die Herzen, der Spiegel, der Iglu-Würfel, diese drei sah ich und konnte sie so auch ausführen. Auch sah ich diesen Bilderrahmen - nicht aber seinen Inhalt! Das war eine wirklich wochenlange Suche, ein Prozeß, der mir, da ich aktiv darüber nachdachte, Vorschläge zuspielte, die ich verwarf, verwerfen mußte, weil sie nicht paßten, nicht richtig waren, sich nicht stimmig einfügen ließen in das Ganze. So lange lag dieser leere Bilderrahmen auf meinem Arbeitstisch, Tag für Tag hatte ich ihn vor mir, sein fehlender Inhalt wie eine Mahnung; nichts geschah. Dann kam mir zu den anderen Teilen der Einfall, den Brüchen durch einen ganz feinen Streifen Walzblei Tiefe und Dunkelheit zu geben, sie so zu betonen. Und bei dieser Beschäftigung fand ich dann diese gezackte Linie, den Blitz, der nun tatsächlich eine erhellende Wirkung hatte und die anderen Einzelheiten des Rahmens hervor brachte. Die Details, die Inhalte dieses gläsernen Bilderrahmen sind das letzte, das ich an diesem Objekt für das Kunstfenster Rheydt ausführte; dann war es geschaffen, und geschafft!

 

Meine Ausstellung im Kunstfenster nehme ich zum Anlaß, eine Edition, die ein ´Accessoire´ aus der großen  Arbeit wiederholt, vorzustellen und dem interessierten Publikum zum Kauf anzubieten. Diese kleinen Iglu-Würfel - siehe Foto unten! - sind bereits 2007 entstanden. Ich habe sie damals begonnen und fertiggestellt, dann eingepackt in der Gewissheit, dass ich sie für einen ganz bestimmten Zweck in der Zukunft geschaffen hatte und brauchen würde. Diese Zukunft ist jetzt!

 

Die Edition besteht aus 12 numm. Exemplaren und 3 E.A.; sie kann zu einem Preis von 125 Euro je Ex. direkt bei mir erworben werden. Vom Verkaufserlös stelle ich 25 Euro je Ex. dem Verein Kunstfenster e.V. zur Unterstützung seiner zukünftigen Aktivitäten zur Verfügung und bedanke mich damit für die mir eingeräumte Möglichkeit, hier im Kunstfenster Rheydt auszustellen.

 

Ich bin Herbert Coonen - Geschöpf, Mensch, Kind, Sohn, Bruder, Mann, Vater und Ehemann; war Schüler, Lehrling, Soldat, Substitut, Filialleiter, Bezirksleiter, Verkaufsleiter, nun selbständiger Versicherungskaufmann. Ich werde bald 59; das Herz meines Lebens ist meine eigene kleine Familie und die Essenz, im Sinne von Konzentrat, von allem ist meine Kunst.

 

Herbert Coonen, im Dezember 2010

 

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